Vor zwei Monaten haben wir unser zu Hause in Deutschland verlassen. Vieles ist passiert seitdem. Es ging mal wieder alles länger und war mal wieder alles komplizierter als erhofft. Alle neun in Deutschland gepackten Pakete haben ihren Weg nach Rhodos gefunden, alles hat einen Platz in zahlreichen Schubladen und hinter zahlreichen kleinen Türchen gefunden. Unsere ToDo Listen konnten wir in den ersten vier Wochen abarbeiten, sodass wir uns langsam aber sicher bereit fühlten.  Und dann musste der Skipper wegen einer Angelegenheit nochmal 5 Tage nach Hause fliegen. Am 30 Juli 2018 haben wir Trinity dann endlich zu Wasser gelassen. Zu Wasser gelassen nach fünf Monaten an Land und vielen kleinen und größeren Arbeiten. Viele Zweifel haben mich ereilt in dieser Zeit.
Seit dem Einwassern haben wir viele erste Male mit Trinity erlebt. Es sind historische Momente und daher widme ich diesen Beitrag all diesen einzigartigen und erstmaligen Momenten auf unserer Reise.

Einwassern
Es ist wohl für jeden Eigner ein besonderer Moment wenn der Kran das Boot von den Böcken hebt und mit ihm durch die Werft fährt, um es ans Wasser zu bringen. Unser Boot musste noch ein paar Stunden im Lift hängen, da der Hubkiel zuerst ausgefahren, geschliffen, grundiert und mit Antifouling bestrichen werden musste. Aber dann war es so weit. Ich habe es kaum mitbekommen, denn ich musste vor lauter Aufregung nochmals aufs Klo. Als ich wieder kam lag sie schon im Wasser. Ich steige ebenfalls aufs Boot. Der Motor wird gestartet und es ist nicht möglich ihn im Leerlauf laufen zu lassen. Trinity schiebt vorwärts, doch sie müsste noch warten. Na Super! Ein paar Sprüher WD40 an die richtige Stelle richten es dann schnell. Wenn man es weiss, dann ist es nicht schwer das Problem in Griff zu bekommen. Dann hätte der Skipper nicht Fluchen brauchen und dann hätten wir nicht solche Qualen ausgestanden. Kurz durchatmen, alles klar. Zur Sicherheit prüfen wir nun auch das Bugstrahlruder. Es macht keinen Ton, nicht einmal Anton. Kein Strom. Der Skipper flucht wieder, ich kann nicht fluchen, ich suche nach der Kamera von verstehen sie Spass. Das darf doch alles nicht wahr sein. Wir leiden und Ella ist ganz aufgeregt noch an Land mit der Filmlkamera in der Hand und möchte endlich an Bord kommen. „Wann können wir denn los?  Du hast gesagt es dauert gar nicht lange. Müssen wir jetzt wieder auswassern?“ Auswassern geht nicht mehr, wir müssen es jetzt und hier lösen. Der Skipper beruhigt sich, geht die einzelnen möglichen Fehlerquellen durch und öffnet schlussendlich das Panel der Sicherungen. Hier ist der Schalter „Thruster“. Die zwei Kabel sind abgeruscht, da die Kabelschuhe zu groß zu sein scheinen. An die richtigen Stellen gesteckt „probier nochmal.“ Ich drücke etwas hoffnungslos Knopf und Joystick und da ertönt es, das ersehnte Piepen. Das Bugstrahlruder ist zurück und macht was es soll. „This is the reason why you are a captain“ ertönt es anerkennend vom Werftleiter dem Stephan gegenüber. Das rutscht runter wie Honig. Dann geht es endlich los. Das Fahrrad und Ella werden an Bord gehoben, verschiedene Helfer werfen die Festmacher aufs Boot und Stephan steuert Trinity aus der engen Box. Und jetzt?

Losfahren und ankommen- alleine
Wir sind bereits ein paar Tage mit Trinity gesegelt letztes Jahr. Einmal hat uns Stephans Bruder und einmal ein befreundetes Paar aus der Schweiz begleitet. Doch nun sind wir alleine. Wir beiden und das Bordmädchen und die große Herausforderung Trinity und die Meere dieser Welt. Jetzt legen wir los, ganz still und nur für uns. Der Kopf ist leer, ich schaue zurück und ich schaue vorwärts. Alles tiptop. Wir ankern in der Bucht vor der Werft um die beiden Vorsegel anzuschlagen. Der Ort scheint uns nicht der richtige zu sein. So bergen wir den Anker, als hätten wir nie was anderes getan und fahren in eine Bucht, in der wir auch die erste Nacht verbringen wollen. Wir passieren sicher ein paar Untiefen bei reichlich Wind und ankern neben einem französischen Boot. Es klappt alles beim ersten Mal. „Jetzt sind wir losgefahren und wieder angekommen“ bemerkt Ella ganz richtig. „Jetzt sind wir endlich losgefahren.“ Etwas unwirklich dringen die Worte des Bordmädchens in mein Bewusstsein. Ich fühle nichts, alles ist leer. So gerne hätte ich mich gefreut oder geweint. Nichts. Noch nicht einmal Anspannung. Ich verschicke einen kleinen Film, den ich vom Wegfahren gemacht habe, an meine Mutter. Sie schickt mir ein Bild mit Tränen in den Augen zurück. Und da kommen sie, die Gefühle. Erst jetzt. Ella und Stephan sind schon im Wasser und paddeln mit ihren Flossen rund um Trinity. Ich sitze hier an Bord und nehme wahr wie Erleichterung sich breit macht und wie mir klar wir, dass wir jetzt endlich losgefahren sind. Jetzt ist er wahr der Traum vom Segeln. Jetzt ist er wahr. Es sind nicht länger die andern die segeln, jetzt sind wir es auch- endlich. Nach so vielen Unwegsamkeiten und so viel Anstrengung. Es ist nur schön, es ist soooo schön.
Wir sind das erste Mal losgefahren und an einem neuen Ort angekommen. Ich erinnere mich an die Worte von Sönke Roever am Blauwasserseminar auf der Boot 2017. „Aber das Allerwichtigste solltet ihr auf keinen Fall vergessen- das Losfahren“. Wie recht er hat und wie viele Gründe es gibt doch nochmal was zu kontrollieren, zu flicken und zu lernen, nur um nicht losfahren zu müssen. Wie viele Gründe es gibt noch nicht bereit zu sein. Diese Phase hatten wir überwunden, für uns war es Zeit die Leinen loszuwerfen.
Es sollte acht Tage gehen, bis wir das nächste Mal wieder in einem Hafen festmachen.

Die erste Nacht vor Anker
Mühevoll versuchen wir unsere Ankerwache zu programmieren. Wir sind unsicher ob sie nun auch das macht was sie soll. Wir sind ziemlich sicher dass der Anker hält. Er liegt in sieben Meter Tiefe gut eingegraben im Sand. Davon haben wir uns mit Taucherbrille, Flossen und Schnorchel selber überzeugt. Die Kette schrubbelt über den Boden, Plattfische schrecken auf oder gründeln im aufgewühlten Sand. Der Wind bläst mit 5-6 Windstärken über die Bucht. Ella möchte unbedingt in ihrer Hängematte hinten in der Plicht schlafen, genau wie der Papa. „Aber du musst die Ankerwache machen, das kann ich noch nicht.“ Ja! Schlussendlich schlafen wir die erste Nacht vor Anker auf unserer Reise alle drei an Deck. Es ist laut vom Wind und etwas hart, doch es ist schön. Das Bordmädchen schläft gut in ihrer Hängematte. Stephan und ich sind eigentlich mehr wach als schlafend. Doch es macht nichts. Es gehört dazu. Welch ein Zauber dem Anfang eines neuen Tages innewohnt. Wir haben ihn erlebt, den Sonnenaufgang des zweiten Tages unserer Reise. Der erste Sonnenaufgang auf unserer Reise.

Eine Familie setzt die Segel
Es weht ein strammer Wind, doch in Schutz der Insel Rhodos gibt es trotzdem so gut wie keine Welle. So sind es perfekte Bedingungen einen ersten Schlag mit Trinity zu segeln. Das Bordmädchen muss sich an so Vieles gewöhnen. Zwei Jahre sind wir nicht wirklich ausgiebig mit ihr gesegelt. Zu lang war unsere ToDo Liste mit Trinity, zu schlecht ihr Zustand und zu schnell waren unsere Aufenthalte immer wieder zu Ende. Nach einem Sturmerlebniss auf der Ostsee mit vier Jahren scheint es, als würde sich etwas im Bordmädchen daran erinnern.  Die Wellen machen ihr Angst und sie hält sich die Ohren zu wenn die Segel beim Wenden oder beim Bergen schlagen. Schnell ist ihr das über das Wasser gleiten zu schnell. Und schnell ist es ihr zu schräg. Also segeln wir zunächst unter Fock, dann unter Genua und schliesslich auch mit dem Grosssegel dazu. Es läuft super, doch dem Bordmädchen ist es nicht geheuer. Wir reffen das Grosssegel ins erste Reff. Besser. Nach gut drei Stunden und knapp 20 Seemeilen sind wir zurück in der Bucht. Es hat alles geklappt ohne Zwischenfälle. Wir und auch das Bordmädchen haben es gut gemacht. In den nächsten Tagen segeln wir noch zweimal an der SüdKüste von Rhodos.
Dann wagen wir es die Nase hinter dem nördlichen Ende der Insel hervor zu strecken. Unser Ziel ist die Insel Symi. Doch die Wellen zwischen der Türkei und Rhodos sind erbarmungslos. Trinity stampft und schwankt ausgiebig. Das Bordmädchen ist einverstanden weiter zu fahren. Doch dann wird ihr schlecht, sie erbricht und will nach Hause- nach Haus in die Bucht wohlgemerkt. Wir drehen um und fahren eine Stunde zurück. Zu früh und zu ungeduldig waren die Grossen der Crew. Ich hätte es hingekriegt, trotz Welle keine Seekranheit. Ich bin beruhigt. Doch für unser Bordmädchen war der Zeitpunkt nicht gut gewählt. Zwei Tage später wagen wir die Fahrt Richtung Symi bei wenig Wind und deutlich ruhigerem Meer nochmals. Dieses Mal kommen wir an.  In einer wunderschönen Bucht an der südöstlichen Küste von Symi. „Mama, wieder sind wir angekommen.“

Ich hab noch nie so viele Sterne gesehen
Rhodos hinter uns gelassen und in einer Bucht der Nachbarinsel an der Ostküste von Symi ankernd, trete ich von unter Deck an Deck. Eine mondlose Nacht hatte sich über die Bucht gesenkt und ich schaue beiläufig gegen den Himmel. Und da sehe ich tausende von funkelnden Sternen. Wie erschlagen von dem Anblick stehe ich mit offenem Mund an Deck, den Blick gegen den Himmel gerichtet. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Sterne gesehen. Es scheinen unendlich viele zu sein. Sie sind unbeschreiblich schön und sie sind überall um uns herum. Als hätte das Universum einen Vorhang gelichtet. Wo waren die bloss die ganzen Jahre? Das Universum schien mir ein Stück seiner geheimnissvollen Tiefe zu eröffnen. Tief berührt rufe ich Stephan an Deck, Ella schläft schon. Er meint dass es durch das Fernglas noch mehr sein würden. Ich wage den Blick durch unser bestes Fernglas. Und tatsächlich. Noch mehr und noch mehr Sterne. Ich weiss nicht wie lange ich rücklings auf dem Vordeck lag und einfach nur gegen den Himmel schaute.

Römisch- katholisch bitte
Von Symi segeln wir weiter nach Nysiros. Diese Vulkaninsel mit ihren zahllosen Terrassen ist viel grüner als das was wir von Griechenland bis jetzt gesehen haben. Eine der schönsten Inseln sei Nisyros lernen wir von anderen Seglern. Wir sind früh dran, da wir bereits um 6.00Uhr früh in Panormitis, Symi, losgefahren sind. Etwas mulmig wird mir je näher wir dem Hafen von Pali kommen. Seit dem Einwassern haben wir keine Nacht in einer Marina verbracht. Wir haben das Ankern mit Trinity geübt und fühlen uns wohl damit. Die Handzeichen beim Ankern sind klar und das Manöver läuft ruhig und ohne Geschrei ab. Doch das Festmachen mit Moringleine und Heckleinen haben wir mit Trinity nur vereinzelt und vor mehr als einem Jahr zum letzten Mal gemacht. Und das Festmachen mit Anker und Heckleine haben wir noch überhaupt nicht gemacht. Wir beschließen zunächst im Hafen eine Runde zu drehen und uns eine Übersicht zu verschaffen. Sofort sehen wir die Ankerketten am Bug der festgemachten Boote. Oh nein, sogenannt römisch-katholisch anlegen. Wir verlassen den kleinen Hafen und ankern in der Bucht vor der Hafenmauer, um uns und Trinity für das kommende Manöver vorzubereiten. Wir lassen unser Dinghi, das hinten am Bügel hängt, zu Wasser, da es uns sowohl bei der Sicht nah hinten als auch beim Leinenwerfen behindert. Wir besprechen wie viel Ankerkette wir stecken wollen und wie wir das Manöver machen werden. Es sollen nur zwei Bootslängen werden, da das Wasser nur knapp drei Meter tief ist. Wir hängen die Fender raus um unseren Rumpf und auch den Rumpf der Nachbarschiffe vor unsanften Zusammenstössen zu schützen. Wir lichten den Anker und tuckern langsam durch die schmale Hafeneinfahrt. Es ist praktisch windstill. Ich stehe am Ruder, Stephan an der Ankerkette. Ja es ist ungewöhnlich dass nicht der Skipper das Ruder in der Hand hält. Stephan hat festgestellt, dass ich ein recht gutes Händchen für das Lenken unserer Lady in Aluminium habe und dass ich viel mehr Angst habe diese Manöver zu fahren als er. Also lässt er mir die Wahl, welche Rolle ich übernehme und ich entscheide mich mutig fürs Ruder. Mehr als schief gehen kann es nicht und wir können ja auch nochmal wiederholen wenns nicht klappt.
Ich beschliesse die Ruhe zu bewahren und alles ganz bedächtig und langsam zu machen. Stephan ist etwas ungeduldig wann ich denn nun endlich das Kommando zum Anker werfen gebe. Dann habe ich die zwei Bootslängen hinter mir. Wir lassen den Anker fallen. Aus dem nahen Restaurant kommt uns jemand zu Hilfe und nimmt die Heckleinen entgegen. Wir haben es tatsächlich beim ersten Mal geschafft. Der Anker hält, wir sind punktgenau an dem angepeilten Platz gelandet. Wir lächeln uns an und freuen uns still über diesen weiteren historischen Moment mit unserem Boot.
Wir beobachten, dass die anderen Boote deutlich mehr Kette stecken. Anker der Boote am gegenüberliegenden Steg reichen weit in den Ankerbereich unseres Stegs hinein. Beim Beobachten von An- Ablegemanövern anderer Yachten beobachten wir aber auch, dass die sich teilweise einen riesigen Ankersalat damit einhandeln. Da hängen Ketten anderer Boot an gehobenen Ankern oder sogar ganze Anker der noch festgemachten Boote am Anker der Crew die grad am Ablegen ist. Trinity bleibt davon unberührt. Der Anker liegt gut eingegraben an nicht zu viel Kette sicher vor unserem Bug.
Wir beschließen Trinity hier für ein paar Tage alleine zu lassen, um mit der Fähre in die Türkei zu fahren und Freunde zu besuchen. Wir wissen von der Überführungscrew, die Trinity von Kas nach Rhodos gebracht hat, dass der Chef des angrenzenden Restaurants gut auf die Yachten hier aufpasst.  Dieser Captain rät uns Trintiy zu verlegen, damit sie aus dem täglichen Bootsverkehr von An- Ablegen und Ankersalat heraus kommt. Wir schauen uns den vorgeschlagenen Platz an, doch er fühlt sich nicht gut an für unser Boot. Ich horche in mich hinein und muss feststellen, dass sie am Platz wo sie jetzt liegt besser aufgehoben zu sein scheint. Ungern wiedersetzen wir uns dem Rat eines Einheimischen. Die kennen die Situation grundsätzlich besser als wir Fremdlinge. Doch ich habe mir nach einer schmerzlichen Erfahrung geschworen, nie mehr gegen meine Intuition zu handeln. Schon gar nicht dann, wenn das Abwägen aller vorhandenen Fakten zu keiner eindeutigen Entscheidungsfindung führt. So bleibt Trinity da wo sie ist. Sie wird eine Woche ohne uns hier liegen in dem Vertrauen, dass alles gut gehen wird.

Im Bus ist es wie im Flugzeug
Angekommen in Bodrum nähern wir uns mit Rücksäcken beladen einem weiteren ersten Mal. Wir wollen mit einem türkischen Langstreckenbus von Bodrum nach Cesme, 100km östlich von Izmir, fahren. Wir finden den Busbahnhof von Bodrum nach einigem fragen. Es ist ein geschäftiger und für unsere Augen etwas unübersichtlicher Ort. Vom unserer türkischen Freundin wissen wir mit welcher Gesellschaft wir fahren sollen. Wir haben nicht wirklich einen Plan wie wir den Ort, um das Ticket zu kaufen, finden sollen. Wir laufen ein Bisschen da hin und ein Bisschen dort hin und laufen schlussendlich etwas ziellos in eine Richtung. Dann taucht das Schild auf und wir können das richtige Ticket bis Cesme kaufen. Es sind moderne Buse die mit polierten Felgen auf Gäste und Abfahrt warten. Ein Steward serviert Getränke und Knabbereien. An jeder Kopfstütze hängt Kopfhörer und Bildschirm, der Bus ist voll klimatisiert. In so einem Bus sind wir alle zum ersten Mal und dieser Service- einfach unschlagbar. Wir lieben es und werden das nächste  Mal weniger zögern in einen türkischen Langstreckenbus zu steigen.

Das erste Mal Flipflops
In Cesme, Türkei, kaufen sich Stephan und ich die meist getragenen Schuhe der Welt. Ja richtig, es sind FlipFlops. Naja es gab bewegendere Momente.

Diese Post werfen wir ins Meer
Den leeren Weinflaschen hauchen wir einen weiteren bedeutenden Sinn ein. Wir machen sie zur Flaschenpost und verschicken so Ellas Nachricht dorthin wo das Meer sie treibt. Es ist unser aller allererste Flaschenpost. Noch steht sie in unserer Pantry im Trockenen. Aber wenn wir Pserimos verlassen haben, werden wir sie einschmeißen in den Briefschlitz aus dunklem Blau.