Nun sind wir eine gute Woche von unserer letzten Reise nach Rhodos zu Hause. Wir haben wieder Vieles geschafft und Manches auf unserer ToDo Liste abgehakt. Doch seit wir zurück sind, hat sich etwas verändert.

Ich werde immer wieder übermannt von unterschiedlichsten Gefühlen und oft fliessen Tränen. Erstmal total überfordert, wusste ich überhaupt nicht was mit mir los ist. So langsam dämmert es mir. Wenn wir das nächste Mal fliegen, dann haben wir kein Rückflugticket. Das ist doch super und endlich ist es so weit! Könnte man meinen. Doch diese Tatsache wirkt in uns, in mir auf vielfältigste Weise. Mit dem Verstand komme ich kaum hinterher was sich in meinen Emotionen abspielt. Ich werde übermannt von einer Gefühlsregung und kann nur nachträglich oder im Gespräch mit lieben Menschen verstehen was vor sich geht. Ich brauche viel Zeit für mich, viel Zeit diesen Prozess bewusst mitzugehen.

Abschied
Bei einem Grossteil der Gefühle, die grad immer wieder an die Oberfläche plopen, geht es um Abschied. Es ist der Abschied aus dem Leben, das wir die letzten Jahre geführt haben. Mit dem Flug Ende Juni verlassen wir dieses uns so vertraute Leben und fliegen erstmal in einen vollkommen neuen Lebensabschnitt. Wir werden unsere persönlichen Sachen verstaut haben, die Wohnung wird bereit für unsere Mieter sein, unser Auto und das Motorrad werden in der Garage stehen. Wir werden unsere Taschen in die Hand nehmen, die Wohnungs- und dann die Haustüre zu ziehen. Wir werden uns verabschieden von dem Ort der nun so lange unser zu Hause war. Wenn wir nach vorne schauen, dann werden wir ihn gewagt haben, den Sprung in die Ungewissheit, in ein für uns alle vollkommen neues Kapitel auf der Reise unseres Lebens.
Natürlich werden wir wieder zurück kommen, doch im Raum steht die Frage, ob es denn dann wieder das gleiche Leben sein wird? Und sind wir noch die Gleichen? Wir vermuten, dass wir das nicht sein werden.

Es ist nicht nur der örtliche Abschied, sondern der Abschied von unseren Freunden, unserer Familie und unseren Nachbarn. Ja von unseren Lebens-Gefährten, die uns bei all unserem Tun wohlwollend begleitet und unterstützt haben. Wir werden sie vermissen und sie uns. Auch in ihren Augen sehe ich, dass sie sich für uns freuen und gleichzeitig sehr traurig sind, uns nicht mehr in ihrer Nähe zu haben.  So ist es der Abschied vom warmen Nest, namens soziales Umfeld.

Es ist die Angst davor, dass unsere Tochter Ella möglicherweise ihre Freunde schmerzlich vermissen wird. Dieser Gedanke bleibt, obwohl wir immer wieder erleben, dass Ella sich schnell mit neuen Spielkameraden anfreundet.

Es ist der Abschied von meiner Praxis, von meiner Arbeit mit den Patienten und dem Geld verdienen.

Dieser Schritt bringt unweigerlich auch eine Rückschau mit sich. Eine Rückschau auf das Leben das hinter uns liegt und auf das was uns schlussendlich bewegt hat, diese Reise anzutreten.
Es waren viele schöne Abschnitte in den letzten Jahren, doch es gab eine Zeit in der die Endlichkeit unseres Seins laut an unsere, an meine Tür geklopft hat. Es war eine Zeit in der uns klar wurde, dass ein Altersunterschied von 18 Jahren nicht unweigerlich bedeutet, dass der ältere früher den Horizont in eine andere Existenz überschreitet als der jüngere von uns beiden. Es war die Zeit als ein Mann mit einem fünf Monate alten Säugling auf dem Arm seine Frau ins Krankenhaus brachte. Und das am ersten Tag seiner Freistellung, da er seine Arbeit verloren hatte.  Ich war sehr krank und abgemagert bis auf die Knochen auf Grund einer chronischen Darmentzündung. Es war der Tiefpunkt und gleichzeitig die wohl grösste Wende meines Lebens. In dieser Zeit wurden wir Zeuge meiner wundersamen Heilung und einer Entwicklung die steil berghoch ging. Es war die Zeit in der nach zehn Jahren Krankheit und Leiden wieder Licht, Freude und Selbstliebe in mein Leben kam. Diese Zeit hat mich in manch ein Geheimnisse des Lebens eingeführt, mich tiefgründig verändert.
Die Tatsache, dass ich nun in einer körperlichen Verfassung bin, die mich ein solches Projekt in Angriff nehmen lässt, überwältigt mich in diesen Tagen besonders. Der Start unserer Reise ist gleichzeitig nochmal ein ganz klarer Abschied von dem was an Leiden und gesundheitlichen Schwierigkeiten hinter uns liegt. Stephan steht nicht mehr alleine da mit der Verantwortung für seine kleine Familie, die ihn manchmal fast erdrückt haben muss. Auch bei diesem Gedanken fliessen sie wieder- die Tränen. Was hat Stephan alles getragen. Wir machen uns auf eine Reise, die nur funktioniert,  wenn wir Seite an Seite stehen, gleichwertig und auf Augenhöhe. Ich bin in den letzten Jahre wieder in meine Verantwortung und ins Leben gewachsen. Ich fühle mich fit und gesund und mehr als bereit mich all den Herausforderungen dieses Abenteuers zu stellen. In Anbetracht dessen, dass es eine Zeit gab, in der ich kaum für mich selber sorgen konnte, erfüllt mich das mit überwältigender Dankbarkeit und riesigem Glück. Ich trage dieses Kapitel liebevoll in meinem Herzen, auch das merke ich immer wieder in diesen Tagen.

Dankbarkeit
Im Hinblick auf die zehn verbleibenden Wochen hier beschleicht mich auch der Gedanke, dass unser Leben wie es ist, doch eigentlich ganz in Ordnung ist. Es fehlt uns scheinbar an nichts. So lag ich also am vergangenen Sonntag auf unserer Terrasse und hatte folgenden Gedanken: lass uns doch einfach hier bleiben. Unser Leben ist doch schön, was wollen wir mehr. In diesem Gedanken lag natürlich der Wunsch die eigene Komfortzone nicht verlassen zu müssen und mir die ganzen Unannehmlichkeiten und die Überwindung verschiedener Ängste zu ersparen. Andererseits lag in dem Gedanken auch die Wertschätzung für unser jetziges Leben. Dieser Gedanke hat mich ein Stück versöhnt mit dem was ich gerne anders hätte in unserem jetzigen Leben und auch mit dem was mir eigentlich auf den Senkel geht. In Anbetracht der  Ungewissheit scheint sich in meinem Kopf so einiges zu relativieren.

Sicherheit
Mein Sicherheitsgefühl bezieht sich nicht direkt auf Leib und Leben, sondern ist eng mit dem Gefühl von Vertrautheit verbunden. Ich fühle mich hier sicher, weil ich mich örtliche, mit der Sprache, als auch im Umgang mit den (meisten) Menschen und in der deutschen Kultur zurechtfinde. Wir sind eingebettet in ein soziales Umfeld.
Ich weiss, wo ich einkaufen kann, wo ich Medizin her kriege, an wen ich mich wenden kann wenn ich Hilfe brauche. Ich weiss einigermassen, was mich erwartet, wenn ich vor die Tür gehe oder auf eine öffentliche Toilette. Ich weiss wie man sich hier an die Verkehrsregeln hält und dass die meisten bei rot anhalten. Ich weiss wie ich ein Bahnticket lösen kann und dass ich nicht immer noch mehr essen kriege wenn ich den Teller leer gegessen habe. Ich weiss dass man sich hier zur Begrüssung die Hand gibt. Ich darf am Tisch die Nase putzen und kann anlächeln wen ich möchte. Das sind alles Dinge die vollständig automatisch ablaufen. Dieser Aspekt wurde mir so klar bei unserem letzten Aufenthalt in Rhodos. Wir waren insgesamt nun vier Wochen in Rhodos Stadt, haben viele hilfsbereite Menschen kennengelernt, haben uns durchgefragt, kennen uns nun örtliche ein Bisschen aus, ich weiss sogar wo das Krankenhaus ist und dass man Notfallbehandlungen nicht bezahlen muss. Ich bin selbständig mit dem Auto einkaufen gegangen, hab Essen, Geld und Wasser besorgt. Ich hätte den Weg zum Boot aus allen möglichen Teilen der Stadt gefunden, auch ohne Stephan. Im Unterschied zum ersten Aufenthalt fühlte ich mich rundum wohl. Dies eben darum, weil ich mich in dieser Stadt und unserem Leben dort langsam zurechtgefunden habe.
Mit jedem neuen Ort, werden wir uns neu zurechtfinden müssen und viel Zeit mit den alltäglichen Dingen verbringen. Dieser Gedanke macht mich angespannt. Ich bin froh, dass Stephan an meiner Seite ist und wir das Neue gemeinsam entdecken können. Sich immer wieder in neue Umstände zu begeben bedeutet auch, dass es viel weniger Gewohnheiten gibt als in unserem  normalen Leben. So dürfen wir immer wieder aufmerksam, offen und neugierig in die neuen Orte und die neuen Umstände eintauchen. Das ist schön und spannend, aber mit einer der anstrengendsten Aspekte am Reisen. Vor allem dann, wenn man immer alles im Griff haben will und es sich gewohnt ist das Leben unter Kontrolle zu haben !?. Dieser Aspekt wird mich fordern und hoffentlich fördern. Einfach mal loslassen, ins Leben vertrauen und neugierig sein was der nächste Ort uns bringt.

Dass wir das Leben nicht unter Kontrolle haben, verdrängen wir ganz oft. So ist diese beschriebene Sicherheit ehrlicherweise eine Scheinsicherheit. Auch das wurde mir in den letzten Tagen erst klar, obwohl ich doch eigentlich am eigenen Leib erfahren habe wie unberechenbar das Leben uns Hürden und Aufgaben auferlegt. Was übrig bleibt, ist die Möglichkeit sich immer wieder bewusst für das Leben zu öffnen, sich hinzugeben und nicht so sehr in gut und schlecht, leicht oder schwer zu unterscheiden, sondern egal was ist den nächsten Schritt zu gehen und der Weisheit der eigenen Existenz zu vertrauen. Es gibt keine Sicherheit, keine Gewissheit und auch keine Garantie im Leben. Wir gaukeln uns das vor, weil dies einfacher ist als einfach zu vertrauen.

(Vor-)Freude

Wenn ich mir vorstelle, dass die Arbeit erledigt ist, das Boot wieder im Wasser liegt, die Freunde verabschiedet sind und wir ablegen, ganz alleine und für uns, dann kommen sie die Tränen. Tränen voller unbändiger (Vor-)Freude, voller  „geschafft“, voller Überwältigung. Der Traum ist tatsächlich wahr geworden nach zwei Jahren harter Arbeit. Und obwohl der Moment noch nicht da ist, kann ich ihn erfühlen. Und vielleicht ist das eine meiner großen Stärken: Träume, Wünsche, Visionen, das Erreichen von Zielen so lebendig werden zulassen, dass sie Teil meiner Realität sind, bevor sie eintreffen.

 

Ich bin nun klarer und bereit auch die letzten knapp 10 Wochen und alles was sie füllt so gut zu machen wie ich kann. So wie ich und wir alle das tagtäglich tun. Es ist nicht schlimm Gefühle zu haben oder Zwiespalt zuzulassen. Freude ist nicht besser als Traurigkeit. Es ist unsere Wertung die das eine zum Problem macht. Schlussendlich sind Gefühle nur eine Form der Energie, die nach Ausdruck sucht. Also rede, schreibe, tanze, weine, renne. Und sei dir bewusst, dass unsere Gefühle den Ursprung in uns selbst haben und kein anderer dafür verantwortlich ist.