Diesen Beitrag habe ich unserer lieben Freundin Erica vom Thunersee zu verdanken. Eigentlich war es ursprünglich nur ein dreitägiger Besuch einer Freundin aus der Schweiz, doch durch ihre klare Sicht auf uns als Paar, unsere Familie und unser Agieren zusammen und mit unserer Tochter hat sich daraus ein wertvolles Familiencoaching ergeben. Und dies nicht steril in irgendeinem Therapiezimmer, sondern live direkt in den jeweiligen Situationen. Erica hat uns geholfen die Spiele welche wir spielen und die Muster in denen wir interagieren zu erkennen, zu verstehen und schlussendlich zu verändern. Und dies hat sie in aller Klarheit, schonungslos, jedoch in liebevoller Absicht gemacht. Es war ganz schön anstrengend und hat sich angefühlt wie nach drei Tagen Seekrankheit: erschöpft und doch hoffnungsvoll, dass es für den Rest unseres Lebens anders laufen wird als bisher und wir unsere alten und eingebrannten Muster überwinden können um in ein freieres Miteinander zu finden. Warum ich das hier schreibe? Weil es wahrscheinlich mit die wichtigste Vorbereitung für ein erfolgreiches Segeljahr überhaupt war, ist und sein wird. Weil dieses Erkennen unser ganzes Leben hoffentlich nachhaltig verändern wird.

Beim Segeln in kleiner Crew zeigen sich spätestens nach einem Tag die Auswirkungen ungeklärter Beziehungen, unausgesprochener Erwartungen, unklarer Kommunikation, Misstrauen, mangelnder Selbstverantwortung, mangelndem Selbstvertrauen, ungeheilter Verletzungen und falsch verstandenen Rollenverteilung unausweislich. Meistens endet das in dem bei Seglern so beliebten Hafenkino beim missglückten Anlegemanöver, wortstarkem Streit mit gegenseitigen Vorwürfen oder beklemmendem Schweigen anstelle von ausgelassenem Miteinander. Möglicherweise endet es nach ein paar Wochen in einem Austausch einzelner Crewmitglieder oder dem Scheitern ganzer Lebensträume. Beim Segeln ist es wie beim Tandemfahren. Zwischenmenschliches Kuddelmuddel kommt schneller auf den Tisch als antrainierte Strategien und Kompensationsmuster greifen könnten. Die Suppe steht zum Auslöffeln bereit, bevor überhaupt jemand hungrig ist.

Wir können nicht von der Hand weisen, dass es auch in unserem Miteinander Diskussionen gibt, die wir seit wir uns kennen unverändert wiederholen, immer und immer wieder. Und trotzdem ändert sich überhaupt nichts, frustrierend, ermüdend, zum Verzweifeln. Und grad in diesen Monaten der Vorbereitungen auf unseren Traum, wenn beide unter Druck stehen, kochte der alte und doch brandaktuelle Mist umso schneller hoch. Das Traurige ist, dass es oft nicht der eigene Mist ist, sondern dass wir die alten Muster unserer Eltern, die wir mit der Muttermilch aufgesogen haben, nachspielen. Scheinbar haben wir keinen Zugriff auf unser Verhalten, unsere Gefühle und Reaktionen. Auch wir versuchten eine gewünschte Veränderung im andern herbeizuführen, um uns endlich besser und glücklicher zu fühlen. Dass das nicht funktioniert ist allgemein bekannt. Beide haben wir eine Ausbildung in systemischer Arbeit, sind gut die Muster bei den anderen zu erkennen und doch immer wieder blind für unsere eigenen. Auch das ist kein Geheimnis. Und hier kommt Erica ins Spiel. Emotional unbeteiligtes Element mit scharfer Beobachtungsgabe. Sie hat mich wach gerüttelt.

Wenn ein Löchersieb versucht Lücken zu füllen
Ich denke wir Menschen suchen uns immer einen Partner der zu uns passt. Entweder weil er einen Mangel, ein Loch in uns zumindest zu Beginn scheinbar füllt oder weil er als „Arschengel“ (ein Engel den wir nicht als solchen erkennen, weil er uns herausfordert, uns verletzt, uns das Leben schwer macht) unaufhörlich unsere Lebensthemen aufs Parkett bringt. Der Partner der möglichst unsere Lücken füllt, ist uns dabei der angenehmere, denn der Arschengel, der uns mit diesen schmerzhaften in der Seele eingebrannten Themen konfrontiert, ist furchtbar anstrengend. Meistens ist man sich gegenseitig Lückenfüller und Arschengel in einem. Dann wandelt die Beziehung zwischen liebevollem und leidenschaftlichem Miteinander und totalem Unverständnis.

Zum Beispiel soll der Lückenfüller unser Bedürfnis nach geliebt werden oder nach Anerkennung abdecken. Unsere Löcher heissen also „sich nicht geliebt fühlen“ und „Mangel an Anerkennung haben“. Partner, Kinder, selbst Tier springen automatisch in die Lücke, sie geben alles und doch ist es meistens nicht genug. Der Partner kann auf dem Kopf im Dreieck springen, er wird meine Löcher nicht wirklich füllen können. Warum? Er kann nicht unsere innere Überzeugung von mangelnder Anerkennung und Liebe ins Gegenteil kehren, niemals. Er hat in Wirklichkeit ja mit den Ursachen dieser Löcher auch nichts zu tun.

Zunächst müssen uns diese Lücken und die daraus entstehende Bedürftigkeit bewusst werden. Dann sollten wir auch noch verstehen, wie sich diese Bedürftigkeit im Alltag zeigt und wie sich vor allem das nicht erfüllt werden dieser Bedürftigkeit zeigt. Der andere wird nicht genügen und wir suchen den Fehler bei dem, der mich in meinen Augen nicht genug liebt oder nicht genug anerkennt. Wir sind enttäuscht und verletzt, fühlen uns der Liebe nicht wert und strengen uns immer mehr an doch endlich der Anerkennung wert zu sein. Der Partner hört die Vorwürfe und versucht sich zu bessern und noch mehr die meist unausgesprochenen und maskierten Erwartungen des anderen zu erfüllen. Bei Auseinandersetzungen geht es seltenste um die Bedürftigkeit nach Liebe, Anerkennung und die eigenen Verletzungen, denn wir schützen uns mit allen möglichen Strategien uns diese innerste Verletzung und Bedürftigkeit zuzugestehen. Nun muss man sich vorstellen, dass dieses Spiel ja nicht nur einseitig, sondern eben in beide Richtungen abspielt. Und wenn dann noch Eltern rein fummeln und Kinder von der Partie sind, dann ist das Kuddelmuddel perfekt. Niemand weiss mehr wo die Verstrickungen und Enttäuschungen begonnen haben, und wer warum welche Erwartungen zu erfüllen versucht. Es ist auf den ersten Blick vollkommen unklar welche Rollen die einzelnen Elemente spielen und statt den Ball bei sich zu behalten ist es so schön einfach ihn einfach dem nächsten zu zu spielen.

Und so werden die Löcher des nicht liebenswert seins und der mangelnden Anerkennung immer grösser, denn unser Partner/Eltern/ Kinder bestätigen uns auch noch in unserer Überzeugung durch ihr ungenügendes Verhalten uns gegenüber. So entstehen Opfer und Täter. Und in diesem Prozess liegt eine riesige Chance begraben. Denn wenn wir durch die Abwärtsspirale dieser Partnerschaft in Ohnmacht und Verzweiflung fallen, ständig mit dem Kopf gegen die Wand rennen, dann können wir vielleicht aufwachen und ehrlich nach unserem Anteil, unserer ursprünglichen Bedürftigkeit suchen. Dann kann der Lückenfüller vielleicht zum Arschengel werden. Zum Arschengel, der sich zur Verfügung stellt uns unseren Schmerz und unsere Bedürftigkeit aufzuzeigen, weil er sie nämlich nicht ausgleichen kann und uns immer wieder darin enttäuscht. Und wenn wir diesen Arschengel anerkennen, dann wird er vom Feind zum Freund, der nichts anderes ermöglichen will, als dass wir einen nächsten Schritt in Richtung Erkennen und (Selbst-)Bewusstsein gehen.

Wer das Spiel mitspielt wir zum Täter
Anders gesagt sind wir alle Verstümmelte, die krampfhaft nach einer Prothese im Außen suchen um besser zu funktionieren. Und gleichzeitig sind wir Prothesen die krampfhaft den auserwählten Verstümmelten zusammenflicken wollen, um sich möglicherweise selbst weniger verstümmelt zu fühlen. Doch niemals kann ein Verstümmelter gleichzeitig eine Prothese sein.

Und so lange ich nicht erkenne wo ich dem anderen eine Prothese bin, wo ich seine Lücke fülle und ihm damit die Chance nehme an seiner eigenen Lücke zu wachsen, so lange bin ich ein Täter, der beim anderen weitere Verstümmelung zulässt. Und so lange ich meine eigene Verstümmelung nicht erkenne und zulasse, dass der andere mir eine Prothese ist, führe ich keine Partnerschaft sondern spiele ein Spiel von gegenseitigem Missbrauch. Wir halten den anderen in uns gefangen (als Prothese) und sind selbst Gefangene (als Prothese). Wir verhindern, dass der andere und wir uns selbst frei entfalten können. Wir sind eine Zumutung für unser Gegenüber und muten uns in diesem wechselseitigen Spiel selbst zu viel zu.

Vom ICH zum DU und zum WIR
Das oben beschriebene Spiel zeigt sich im normalen Alltag natürlich weitaus weniger dramatisch und vor allem unterbewusst. Es schleicht sich unbemerkt ein und wird klangheimlich zum Standard in Beziehungen, in Familien, in Vereinen und in ganzen Gesellschaften. Dieses Spiel beginnt im Mikrokosmos Partnerschaft und Familie und endet in Kriegen. Es beginnt mit mangelnder Selbsterkenntnis und endet über Enttäuschung, Verletzung, Misstrauen, Schuldzuweisung, Missgunst, Konkurrenzkampf schlussendlich in totaler Zerstörung des Lebens selbst. Dieses Spiel macht uns zu Komplizen des Leids und des Schmerzes wo wir uns eigentlich Liebe und Freude wünschen.

Ja so sehe ich das. Und dieses Erkennen ist ein ganz schön hartes und schmerzhaftes Erwachen. Ein Erwachen in dem ich mich als Mitspieler (Prothese/ Verstümmelter) erkenne. Sowohl in dem was in meiner eigenen Beziehung und Familie immer wieder schief läuft, als auch in dem was schlussendlich auf der Welt schief läuft. ICH bin die Veränderung.

Ich will keine Zumutung sein und ich will mir auch kein Prothesendasein zumuten.
Ich will MEIN LEBEN leben und ich will ICH sein.
Doch wer bin ICH in all diesem Beziehungsfilz von Lückenfüllern, Arschengeln, Prothesen und Missbrauchten?
Wer bin ICH wenn DU mich erfüllst?
Und wer bis DU?
Und wer um Gottes Willen sind WIR dann?

Also sollten wir nach dem ICH suchen in allem was wir tun, fühlen, wünschen und sind. Erst jetzt sind wir bereit das DU zu erkennen. Eigenständig und schön und nur um des DU´S Willen. Und erst dann werden wir ein wirkliches WIR. Ein WIR in dem wir UNS erleben dürfen ohne etwas füreinander zu müssen und ohne um des WIR Willens etwas vom ICH zu verdrängen.

Wir haben uns auf den Weg gemacht. Jeder für sich und auch zusammen.

Fazit für den Alltag- einfach nicht mehr mitspielen und es endlich anders machen

Eine gemeinsame Sprache sprechen lernen und Missverständnissen den Wind aus den Segeln nehmen

  • Ich frage nach, ob der Andere verstanden hat, wie ich etwas meine.
  • Ich rückversichert mich, ob ich das, was ich meine verstanden zu haben, auch richtig verstanden habe.
  • Ich frage nach, wenn ich mir nicht sicher bin, ob der Andere unter einem Wort das gleiche versteht wie ich, oder was er damit meint.
  • Ich bemühe mich klare, eindeutige und möglichst wenige Worte zu finden.

Vertrauen

  • Ich traue meinem Gegenüber zu es gut zu machen und gebe ihm die Möglichkeit was in seiner Verantwortung steht selbst zu erledigen. Ich gebe ihm dafür genug Zeit. Ich weise möglicherweise kurz darauf hin und hüte mich davor es einfach selbst zu erledigen, weil es mir zu sonst lange dauert.
  • Ich mische mich nicht ein wie der Andere etwas macht oder erledigt, sondern gebe ihm die Chance selber zu erkennen, ob etwas funktioniert oder nicht.
  • Ich sage nicht ungefragt meine Meinung, sondern frage ob der Andere meine Sicht dazu hören möchte
  • Ich helfe nicht ungefragt, sondern biete an, dass man mich falls nötig um Hilfe bitten kann.
  • Ich höre auf für die Anderen zu denken, sondern orientiere mich an dem was ausgesprochen wurde.

Selbsterkenntnis/ Selbstliebe

  • Ich versuche die Gefühle in mir als meine eigenen zu erkennen und höre auf im Anderen die Ursache dafür zu suchen.
  • Ich versuche meine Verletzung als meine eigene zu erkennen und höre auf im Anderen die Ursache dafür zu suchen.
  • Ich gestehe mir zu überhaupt zu fühlen und erlaube mir meine Gefühle zu äussern. Alle Gefühle sind vollkommen wertfrei wahrnehmbar.
  • Ich prüfe, ob an Hinweisen an mich von außen etwas dran ist.
  • Ich frage mich welches meine Bedürfnisse sind, was ich brauche und äussere dies.
  • Ich sorge selbst für mich und warte nicht darauf bis es ein anderer tut.
  • Ich erkenne, dass Liebe bei mir selbst anfängt und hierbei auch dorthin reichen sollte wo meine Schatten sich erstrecken.
  • Ich rede von mir und benutze das Wort Ich in meinen Sätzen. Ich vermeide möglichst von Dir und Du zu reden.
  • Ich achte sehr genau darauf, wo ich mich für etwas oder jemanden opfere. Ich höre jetzt auf damit oder tue es in vollem Bewusstsein und aus freien Stücken.

Selbstverantwortung/ Selbstvertrauen

  • Wenn ein Plan/Verhalten nicht funktioniert, dann will ich versuchen es anders zu machen, statt immer dasselbe zu wiederholen.
  • Was früher war das ist vorbei. Ich lebe jetzt und nur hier kann ich etwas ändern. Ich verstecke mich nicht weiter hinter dem was war.
  • Ich erledige meinen Mist selber und missbrauche keinen anderen dafür. Wenn mein Mist zu viel ist, dann sollte ich mein Lebenskonzept überdenken und Konsequenzen daraus ziehen.
  • Ich erkenne, wenn ich meinen Mist aus etwelchen Gründen nicht erledigen kann und darf den Anderen darum bitten, im Wissen, dass dieser nein sagen darf.
  • Ich spreche meine Erwartungen aus und bitte um Hilfe falls ich welche benötige.
  • Ich erwarte nicht mehr, dass der Andere mir meine Wünsche oder Erwartungen von den Augen abliest, sondern äussere diese klar. Am Besten erfülle ich sie mir selbst.
  • Ich erledige nichts mehr für den anderen oder führe seine Aufgaben zu Ende. Ausser wenn ich ausdrücklich darum gebeten wurde, die Aufgabe neu verteilt wurde oder ich mich dafür bewusst bereit erklärt habe.
  • Ich sage nein, wenn mir die Übernahme von Aufgaben für den Anderen zu viel ist.
  • Ich treffe eigene Entscheidungen ohne mich ständig beim Andern rückzuversichern.
  • Ich trage die Verantwortung für mein Tun oder Nicht-Tun und gestehe mir Versäumnisse ein.

Anerkennung

  • Ich anerkenne die Bemühungen des Andern und schaue liebevoll auf ihn. Auch er ist unterwegs wie ich.
  • Ich bedanke mich für Dinge die der Andere an meiner Stelle übernommen hat oder für das Gemeinsame getan hat. Denn in dem Dank steckt sowohl Anerkennung als auch das Bewusstsein über das eigenen Nichttun.

Standortbestimmung:

  • Wenn ich in eine bereits laufende Familiensituation komme, dann informiere ich mich was abgesprochen ist und was noch auf dem Plan steht. Ich mische mich in einen laufenden Prozesse nicht ohne Rücksprache ein.
  • Wenn ich ein sich wiederholendes Verhaltensmuster beim anderen entdecke, dann weise ich ihn mit wenigen Worten und liebevoll darauf hin und verhindere damit den alten Mist in endlosen und nichts nützenden, emotionalen Diskussionen wiederzukäuen. Für diesen Hinweis treten wir aus der aktuellen Situation aus.
  • Gegenseitig wichtige Termine werden in einer gemeinsamen Agenda erfasst und regelmässig besprochen
  • Anfallende Aufgaben und To-DO Listen werden besprochen und verteilt.
  • Ich setzte mich hin und überlege, wie es in der Umsetzung der einzelnen Punkte schon klappt und mache mir bewusst was wieder in alte Muster abgleitet.

Es gibt viel zu tun und diese Veränderung kostet Aufmerksamkeit und Kraft, doch ich freue mich auf das was danach kommen wird. Und ich freue mich auf gute Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und das selbstverantwortliche Miteinander bei den zahlreichen Aufgaben bei uns an Bord. Ich freue mich auf unser WIR, auf das ICH und das DU. 

Und was ist mit dir?
Vielleicht denkst du „von dem Psychokram halte ich nix.“ Oder das ist doch alles klar und logisch, selbstverständlich und normal.
Doch ich bin sicher, dass auch du ganz viel übernommen hast für deinen Partners, deiner Kinder, deiner Eltern und umbekehrt ganz viel von deiner Verantwortlichkeit dort ablädst. Es geht nicht nur drum es nicht zu tun, sondern dass einem bewusst wird was man da tut oder nicht tut. Vor allem dann wenn man mit der eigenen Situation unzufrieden ist.

Denk mal drüber nach.