Immer wieder in der Zeit der Vorbereitungen durchschreite ich tiefe Krisen und riesige Zweifel. Schon seit Monaten existieren Familienalltag, Beruf, Ausbildung und das Projekt Trinity nebeneinander. Stephan ist beruflich mehr auf Reisen denn je und tagelang abwesend.

Immer wieder (genau genommen sicher einmal pro Monat) wächst mir alles über den Kopf. Und dann gibt’s Kleinholz oder wie Stephan es beschreibt: ich drehe alles durch den Fleischwolf (und wir sind Vegetarier!). Entweder ist alles super und schön oder es ist alles blöd. Es ist zum davonrennen. Einen emotionalen Normalzustand scheint es bei mir nicht zu geben. Normalzustand würde sich für mich wahrscheinlich wie eine Depression anfühlen. Und mein Mann wünscht sich einfach mal normal und nicht immer auf und ab wie bei Windstärke acht und fünf Meter Welle. Doch ich fürchte dass Normalzustand sich leblos, energielos und langweilig anfühlt.

Die Verletzungen nach dem letzten Fleischwolf sitzen tief und es braucht Tage Einzelteile zusammen zu sammeln, das Krönchen zu richten und die Wunden zu lecken. Es braucht Zeit sich wieder in die Arme zu schließen, wenn aus lauter Verzweiflung unschöne Worte gefallen sind. Es ist immer kurz vor knapp vor dem Hinschmeißen.  Doch was hinschmeißen auf der Suche nach Entlastung?

Die Familie hinschmeißen und wegrennen wäre wie Herz rausreißen. Meinen Beruf, die Praxis hinschmeißen wäre wie Berufung abschneiden. Das Projekt Segeln hinschmeißen wäre wie einen Teil Seele amputieren. Alles fühlt sich schlecht an. Doch ich bin kein „EIN BISSCHEN“ Mensch, ich bin GANZ oder GAR NICHT. Ich gebe 100% oder ich lasse es.  Mir fällt das „UND“ schwer und ich habe lieber „ENTWEDER ODER“. Wahrscheinlich weil es einfach weniger anstrengend ist. Vielleicht bin ich nicht belastbar genug, vielleicht fehlt es mir an emotionaler Selbstregulation, vielleicht, und das glaube ich, ist es einfach etwas viel im Moment.

Unsere Langzeit reisenden Freunde sagen, dass diese Zustände völlig normal seien. Dass diese Vorbereitungsphase eine Mehrfachbelastung sei. Alles drängt sich miteinander auf und scheint wichtig zu sein. Und gleichzeitig durchlebe ich so viel was mich in meinem Alltag berührt und auf das ich mich einlassen möchte. Ellas Abschied aus dem Kindergarten, die vielen Erinnerungen welche die Erzieherinnen in einem dicken Ordner gesammelt haben. Verstehen, dass unsere Tochter Flügel bekommt und bald ganz alleine in die Schule marschiert.  Ich möchte runde Geburtstage feiern von Bruder, Schwager und Freunden in Deutschland und der Schweiz und meine bald 92- jährige Schwiegermutter besuchen. Ich möchte Zeit mit all unseren Lieben verbringen, zusammen kochen und lachen. Ich möchte denen zuhören, die jetzt schon traurig sind, dass wir dann ein ganzes Jahr weg sein werden. Ich möchte meinem Mann in die Augen sehen und ganz in diesem Moment sein, damit wir uns in all den Anforderungen nicht verlieren. Doch immer ist der Tag so schnell vorbei und ich suche was als nächstes zu tun ist und ich suche mich.

Überfordert sein, heißt sich verloren zu haben, heißt in alle Richtungen zu laufen ohne eine Richtung einzuschlagen. Überfordert sein, heißt nicht genug Prioritäten zu setzen, sich zu verzetteln, Dinge zu tun statt sie zu lassen. Überfordert zu sein, heißt Angst zu haben vor dem was kommt, Angst vor dem Unbekannten. Überfordert sind wir, wenn wir zweifeln, ob das was wir machen richtig ist. Überfordert sein bedeutet sich um Dinge zu kümmern, um die man sich zwar kümmern kann aber nicht kümmern will. Überfordert sein ist das Symptom der Verunsicherung und der großen Erwartungen an sich selbst. Überfordert sein, heißt unzufrieden zu sein mit den Aufgaben, welche das Leben für uns bereit hält. Überfordert sind wir, wenn wir wieder zu Kindern werden, die nach Mama schreien.

Meistens ist es dann Zeit inne zu halten und mich zu fragen was ich wirklich will. Was will ich für ein Leben führen? Ich will mich nicht zufrieden geben mit der Aussicht auf ein Jahr Auszeit und Freiheit. Damit will ich mich jetzt nicht trösten müssen und mich gleichzeitig total verausgaben. Denn wer weiß was morgen ist?

Die Zeit der Überforderung schreit nach Veränderungen und nach Entscheidungen. Sie schreit nach tiefem Vertrauen in die Stimme unseres Herzens. So ist es schlussendlich auch die Überforderung die uns zurück in unsere Mitte führen kann. Einmal mehr ein unangenehmes Gefühl in dem mehr steckt als etwas das ich einfach weg haben möchte.