Nun sind wir die zweite Woche wieder zu Hause. Ich tue mich ganz schön schwer mit dieser Umstellung. Oft stehe ich hier und denke „was mache ich hier überhaupt“. Der „normale“ Alltag kommt mir sinnlos vor. Ich bin lustlos. Und natürlich frage mich warum das so ist.

Auf dem Boot verbringen wir Zeit damit unser fahrendes zu Hause in Schuss zu halten. Wir verbringen Zeit mit alltäglichen Verrichtungen wie essen machen, spülen, Wäsche waschen, putzen, einkaufen, Müll weg bringen und mit lange Strecken aufs Klo oder auf den Markt laufen. Eigentlich ähnlich wie zu Hause. Doch auf dem Boot brauchen diese Dinge 5x so viel Zeit. Doch da gibt es einen wichtigen Unterschied: Es gibt nichts anderes was in dem Moment wichtiger wäre. Diese Verrichtungen ermöglichen das Leben auf dem Boot überhaupt erst. Sie sind also essentiell. Auch all die Reparaturen sind essentiell für das Leben unter Segeln und auf dem Wasser. Wir verrichten also nur Arbeiten, die direkt für unser Bootsleben selbst essentiell sind. Die restliche Zeit verbringen wir im Austausch mit anderen Menschen, die sich in dem Moment in einer ähnlichen Welt bewegen. Oder wir schwimmen, toben, singen, klettern auf den Mast, haben Spaß und freuen uns über das Leben als Familie, über Selbstbestimmung und das Gefühl von Freiheit. Und das ist so befriedigend, das fühlt sich so sinnvoll, ja bedeutungsvoll an. Ich bin zufrieden am Ende des Tages. Wir sind so nahe am Leben. Es gibt Krisen die einem in Verzweiflung stürzen und Hochs die einem vor Freude schreien lassen. Ich erlebe diese Phasen aktiv, bzw. ich habe Zeit mich auf jede Phase wertfrei einzulassen, mich darin zu verlieren und wieder zu finden. Ich fühle mich lebendig, ja ich leben!

Nun könnte man sagen, dass die ganzen Verrichtungen zu Haus wie Geld verdienen, Telefonanbieter wechseln, Rechnungen bezahlen, sich um Versicherungen kümmern, sich mit unzufriedenen Müllmännern rumschlagen, unendlich viel Werbung aus dem Briefkasten zu entsorgen, eMails mit Kreditangeboten löschen, aggressive Autofahrer beobachten, 100 Quadratmeter Wohnung saugen, Absprachen mit Handwerkern treffen, mit dem Auto zum Einkaufen rasen, sich um die eigenen Selbstständigkeit kümmern,  den Rasen mähen, Unkraut jäten, Whats app´s aus unzähligen Gruppen lesen, Geschenke für Kindergeburtstage kaufen, usw., für das Leben in geregelten Bahnen auch essentiell sind. So ist das halt. Natürlich ist das alles für das Leben in geregelten Bahnen, in einer Gesellschaft, in der MAN es so macht, der äußere Schein und das schneller, weiter, höher zu zählen scheinen, essentiell. Doch rennt dieses Leben bei der Geschwindigkeit und der Fülle an Anforderungen, Organisation und Ablenkung dabei nicht an uns vorbei? Bzw. rennen wir nicht dem Leben davon?  Immer wieder fühle ich mich wie ein Statist in meinem eigenen Leben. Als würde ich gelebt werden statt selbst zu leben. Es rennt an mir vorbei ohne dass ich wirklich dabei war. Und dies obwohl ich noch nicht mal unter Druck bin meinen Lebensunterhalt zu verdienen, da Stephan das für uns macht.

Ich will mir gar nicht vorstellen, was das für ein Schock es sein wird, nach einem Jahr in diese Normalität zurück zu kehren. Oder ist es die Rückkehr aus der Normalität in einen absurden, unwirklichen Wahnsinn? Immer mehr frage ich mich wie wir unser Leben auch zu Hause näher am Leben selbst gestalten können. Wir brauchen so viel Geld, um dieses System in dem wir aktuell noch leben am Laufen zu halten. Wir investieren in die Zukunft, ins Alter, in die Versicherungen unseres Lebens, in unsere Gesundheit. Doch was braucht es, dass wir das alles nicht mehr brauchen, bzw. was braucht es, dass wir nicht leiden, wenn wir diese äußeren Sicherheiten nicht mehr haben? Es braucht Sicherheit von innen heraus, denn diese uns von außen vorgegaukelte Sicherheit führt uns in Abhängigkeiten, die es eng und unfrei machen. Es braucht Selbstvertrauen, Vertrauen in das Leben selbst, Vertrauen, dass das Leben für uns sorgt und es braucht Selbstverantwortung. Ebenfalls braucht es die Aufmerksamkeit zu merken, wenn wir uns wieder in dieses Treiben, das Bewusstsein der großen Maße und die zahlreichen Ablenkungen hineinziehen lassen. Und es braucht Dankbarkeit und Wertschätzung für all das was wir jetzt haben, auch wenn wir es vielleicht jetzt lieber loslassen möchte. Denn ein Jedes hat seine Zeit und seinen Sinn und so versuche ich auch meinen jetzigen Alltag zu würdigen und darin zu leben.

Ich vermute,  dass unsere Reise die bereits in uns steckende Sicherheit, das Vertrauen ins Leben, und die Gewissheit versorgt und geführt zu sein in uns weiter wachsen lässt. Wie auch immer, ich bin gespannt.

Lebst du dein Leben oder lässt du dich leben?