Am vergangenen Wochenende sind wir von unserem dreiwöchigen Aufenthalt bei Trinity zurückgekehrt. Wie es so üblich ist, ist unsere Reise ganz anders verlaufen als geplant. Keine 24 Stunden nach unserer Ankunft bei Trinity befanden wir uns bereits auf der Notaufnahme eines Krankenhauses 120 Kilometer entfernt von Kas in Fethiye.

Trinity wir kommen- und operieren den Blinddarm
In der ersten Nacht auf dem Boot stellten sich bei Stephan diffuse Bauchschmerzen ein. In Folge meiner  Untersuchung am nächsten Morgen konnte ich  Ursachen ausgehend von Niere, Blase, Galle, Magen und Zwölffingerdarm oder Rücken ausschliessen. Alle Blinddarmzeichen  außer ein deutlichen Druckschmerz im rechten Unterbauch waren negativ. Trotzdem lautete meine Verdachtsdiagnose akute Blinddarmentzündung. Um 10.00 Uhr entschieden wir noch eine Stunde zu warten bevor wir weitere Schritte einleiten, sollte sich der Schmerz nicht deutlich verbessern. Aus dem Gefühl heraus, dass meine Verdachtsdiagnose stimmte, erkundigte ich mich im Hafenbüro nach einem Arzt. Bei dem armen Mitarbeiter läuteten sofort alle Alarmglocken und eine hektische Suche nach der Telefonnummer der Ärztin seines Vertrauens begann. Mit der Nummer in der Bauchtasche ging ich zurück zu Stephan und wir entschieden die Ärztin anzurufen. Sie bat uns in ihre Praxis. Die Blutuntersuchung ergab massiv erhöhte weiße Blutzellen und auch ihre klinische Untersuchung konnte den im Raum stehenden Blinddarm nicht ausschließen. Sie rief den Taxifahrer ihres Vertrauens, welcher uns eineinhalb Stunden in die 120 Kilometer entfernte Privatklinik fuhr. Doch damit nicht genug. Hüseyin nahm die ihm übertragene Verantwortung sehr ernst und begleitete uns in der Klinik auf Schritt und Tritt. Er stand uns bei und kümmerte sich um Ella und mich und so gut er konnte auch um Stephan indem er einfach da war. Es war rührend anzuschauen, wenn auch im ersten Moment etwas befremdlich. Väterlich deckte er den zitternden Stephan nach der Operation nochmal besser zu. Auf der Fahrt zurück zum Hafen deckte er mich und Ella in einem Treibhaus eines Freundes mit Unmengen Gurken, Tomaten, Paprika und Zwiebeln ein. Am Liebsten hätte er uns zum Abendessen mit zu seiner Familie mitgenommen, doch ich lehnte seine Einladung dankend ab, da ich einfach nur müde war.

Wachsen durch Müssen
Immer wieder ging Stephan und mir die Frage durch den Kopf, was dieser Zwischenfall uns sagen soll. Stephan meinte es sollte wohl so sein, damit ich etwas selbstständiger werde in der großen fremden Welt und auf Trinity. Wir hatten weder Wasser noch Strom auf dem Boot als Stephan ins Krankenhaus einrücken musste. So habe ich mich tatsächlich mit Wasser, Strom und Ventilen am Boot auseinandersetzen müssen und habe schlussendlich erfolgreich alles hingekriegt was ich wollte. Sonst waren diese Dinge immer Stephans Part. Genau so läuft es bei vielen Crews und genau das wollten wir immer vermeiden. Der Mann kümmert sich um alles Technische und die Frau hat schlussendlich davon wenig Ahnung. Mutig habe ich mich der Herausforderung Boot alleine gestellt/stellen müßen und habe gemerkt, dass ich mehr weiss als gedacht, einen klaren Verstand besitze, der mir hilft mir diese Ventile und Schalter am Sicherungspanel zu erschließen. Ich war ziemlich stolz sag ich euch. Und da Stephan am Tag nach der Operation bereits entlassen wurde und sich schonen musste, habe ich mir als nächstes den Akkuschrauber, Bohrer, Schrauben und Haken vorgenommen. Ich habe die Halterungen für die Feuerlöscher montiert und zahlreiche Haken in Segelkammer, Bad und Salon angebracht. Und wieder war ich stolz wie Otto über mein Werk, was ich ohne (sichtbaren) Schaden vollbracht hatte. Und weil das alles so gut begonnen hatte und Stephan mich bei all dem Werkeln immer liebevoll lächelnd beobachtet hat, hat er sich auch nicht vorgedrängt als es dann in der dritten Woche ums Ablegen und Anlegen ging. Ich packte diese Chance am Schopf und stellte mich mutig ans Steuer unserer Trinity. Die im Kopf zurechtgelegte Manöver klappten wunderbar und selbst das Anlegen bei auffrischendem Seitenwind konnte sich sehen lassen. Ich und fast 14 Meter Boot waren durch Stephans Ausfallen ein Team geworden. Trinity lächelte mir bei all meinem Wirken scheinbar aufmunternd zu :-).

Warum wir uns auf unsere Intuition verlassen könn(t)en
Ja meine medizinische Ausbildung hat mir im Umgang mit dem Blinddarmverdacht sicherlich weitergeholfen. Jedoch haben die klassischen Blinddarmzeichen, außer der lokale Druckschmerz, gefehlt. Doch etwas war anders als sonst. Schon bevor ich Stephan an diesem ersten Morgen untersuchte, wussten Stephan und ich, dass wir einen Arzt brauchen werden. Stephan hat nicht einmal versucht mich zu überzeugen, dass nach ein bisschen Schlaf alles wieder gut sein würde. Er hat sich meinem Vorschlag die Ärztin zu konsultieren sofort gefügt. Unser beider Bauchgefühl machte ein Verhandeln dieser Situation unmöglich. Ich bin dankbar, dass wir diesem Gefühl vertraut haben, obwohl die ganze Situation sehr unwirklich war und alles viel schneller ging als wir überhaupt mit dem Verstand nachvollziehen konnten. Während der ganzen Stunden war ich im innern völlig ruhig und klar. Eine sehr besondere Erfahrung in dieser Situation.

Dieses angeborene Wissen, das Bauchgefühl oder der Instinkt der uns hilft Situationen einzuschätzen, degeneriert in unserer modernen Welt in der alles objektivierbar und wissenschaftlich sein soll, zunehmend. Doch ist es nicht die Intuition die bei brenzligen Entscheidungen das Zünglein an der Waage ist? Warum rennen so viele Eltern beim ersten Hüsteln ihrer Kinder völlig unnötig zum Arzt, füllen Notaufnahmen, voller Angst es könnte eine Lungenentzündung sein? Ich bin der Überzeugung, dass wir wüssten wann es wirklich wichtig ist, wenn wir denn den Mut haben dürften uns auf unser Gefühl zu verlassen und uns nicht alle Welt sagen würde, dass wir einen Experten brauchen, der es besser weiss als wir.

Ich habe nach einem furchtbaren Segeltörn 2015, der meiner Liebe zum Segeln fast einen tödlichen Stich versetzt hat, entschieden, dass ich versuchen will nie mehr meine Intuition oder ein schlechtes Gefühl zu einer Situation zu übergehen. Nie wieder werde ich mich von jemandem der es besser zu wissen scheint bequatschen lassen, wenn meine innere Stimme sagt, dass es nicht richtig ist. Und doch haben wir uns erneut von einem Experten entgegen unserer eigenen Einschätzung überzeugen lassen, dass die Härte bei der Betätigung unseres Gashebels völlig normal und in Ordnung sei. Und es musste kommen wie es kommen musste. Statt, dass wir bei Trinity Gas geben konnten, ging der Hebel plötzlich völlig ins Leere und nichts passierte mehr. Die Verzahnung unseres Gashebels war vollkommen platt abgerieben, bzw. mit Abrieb gefüllt, da der Bowdenzug (Verbindung zwischen Gashebel und Motor) total blockiert war. Nachdem der Bowdenzug erneuert war lief alles wieder glatt. Dieser Ausfall ist noch festgemacht im Hafen passiert. Wäre uns das beim Ankern oder beim Anlegen passiert, hätte dieser Ausfall böse enden können. Und so bin ich auch schon beim nächsten Punkt, den ich mit euch teilen möchte.

Trotz allem behütet
Als ich an dem Abend alleine im Hafen war, Ella schon geschlafen hat und ich durcheinander und niedergeschlagen meine Mutter angerufen habe, hatte ich einen Moment (oder zwei, drei, vier) den Gedanken, dass wir diese Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen, um zu verstehen, dass wir dieses ganze Projekt besser lassen sollten. Da waren sie wieder diese Zweifel und das Gefühl, dass uns/mir alles über den Kopf wächst. Ehrlich gesagt wäre ich am Liebsten nach Hause gefahren in einen relativ berechenbaren Alltag zurück und hätte das alles einfach vergessen.

Mit etwas Abstand wurde mir jedoch klar, dass alles genau so passiert ist, wie es passieren musste. Gravierende Probleme traten zu perfekten Zeitpunkten auf, sodass wir in keinem Moment in irgendeiner Weise in Gefahr gewesen wären. Alles fügte sich wie von Zauberhand. Wir schienen zur rechten Zeit am rechten Platz gewesen zu sein. Wir waren umgeben von den richtigen Menschen. Eigentlich hätte es nicht besser sein können. So sind wir nach den vergangenen drei Wochen der Meinung, dass wir die Ereignisse als Wink verstehen können, dass unser Projekt unter einem guten Stern steht und wir dem Lauf der Dinge und unserer eigenen Größe vertrauen dürfen. So empfinde ich einmal mehr Demut und Dankbarkeit gegenüber dem, der schützend seine Hand über uns hält und gegenüber dem Leben selbst.

Die Welt ist voller wohlwollender Menschen, die einem gerne eine Hand reichen und denen wir vertrauen dürfen. Auch die Türkei ist voll davon. Für uns haben sie Gesichter und Namen und das ist das Einzige was zählt. Danke Hüseyin, Begüm, Mehmet, Ur, Eren und Frau Dr. Munise.